Seit seinem ersten Auftritt im Comic Amazing Fantasy Nr. 15 im August 1962 ist Spider-Man, alias Peter Parker, zu einem der weltweit bekanntesten und beliebtesten Superhelden avanciert. Neben den Comics sind im Laufe der Jahre diverse Serien, ein ganzer Haufen Filme und (soweit ich das überblicke) mehr Videospiele erschienen, als zu jedem anderen Helden. Doch leider ist Spideys Geschichte mit diesem Medium mehr als durchwachsen. Von zwei rühmlichen Ausnahmen einmal abgesehen (Spider-Man 2 für PS2 und The Amazing Spider-Man für PS3), taugten die Spiele in der Regel allenfalls als letztes Mittel gegen größtmögliche Langeweile. Jeder neue Release versprach den Fans vollmundig den großen Wurf, der alles besser machen würde. Doch keines dieser Spiele wurden den großen Ankündigungen gerecht.

Entsprechend klein waren meine Erwartungen, als Insomniac Games und Sony Interactive Entertainment vor einiger Zeit einen neuen Spider-Man Titel für die PlayStation 4 ankündigten. Die ersten Screenshots deuteten dann zumindest eine hübsche Grafik an, doch die macht allein bekanntlich noch kein gutes Spiel.

Die ersten bewegten Bilder sorgten dann – entgegen aller gebotenen Vernunft – doch wieder für neu aufkeimende Hoffnung. Als dann diesen Sommer (nach der E3) die ersten Spieletester auch noch berichteten, Marvel’s Spider-Man hätte das Potenzial ein echter Hit zu werden, war’s um mich geschehen. Ich fuhr voll auf dem Spidey-Hypetrain mit und fieberte die letzten paar Monate aufgeregt dem Release entgegen. Und um das Ende dieser Review vorweg zu nehmen: Das war nicht umsonst!

Ich bin begeistert. Ich bin sogar so begeistert von dem Spiel, dass ich fest vorhabe alle zusätzlichen Aufgaben zu erledigen und den Spielstand auf 100% zu bringen. Und das kommt sonst praktisch nie vor. (Kann man über meine ganze Karriere hinweg an einer Hand abzählen!) Derzeit stehe ich, kurz nachdem ich die Haupt-Story abgeschlossen habe, bei 75% und das, weil ich freiwillig neben den Hauptquests schon Unmengen an Zeug erledigt habe, ohne dass das für mein Vorankommen von Nöten gewesen wäre.

Vorankommen ist ein gutes Stichwort. Wer schon mal von Spider-Man gehört hat weiß: Spidey fährt nicht oder fliegt, er schwingt sich an Netzleinen durch New York wie Tarzan durch den Dschungel – nur eben ohne das Gebrüll. In den ersten Spidey-Spielen schoss er die Leinen dafür einfach irgendwo in die Luft, wo sie dann auch irgendwie im Nichts haften blieben. Dadurch kam man in der Spielwelt zwar unfallfrei voran, aber das Nerd-Gehirn flüsterte einem unablässig zu, wie cool es doch wäre, würde man die Netze tatsächlich an der Umgebung haften lassen. Eine Konsolen-Generation später wurden wir erhört…

Ich weiß nicht mehr sicher, welches der vielen Spiele es genau war, aber irgendwann durften wir die Netze dann „physikalisch halbwegs korrekt“ an der uns umgebenden Spielwelt haften lassen und mussten dabei sogar entscheiden mit welcher Hand (und damit in welche Richtung) wir das Netz verschießen. Wirklich cooles Konzept, allerdings gestaltete sich dessen Umsetzung oft weit schwieriger als erwartet: Schoss man die Netz-Leine zu spät ab oder im Eifer des Gefechts in die falsche Richtung, dann verfehlte man den korrekten Schwung-Punkt und krachte entweder unsanft gegen das nächste Gebäude oder stürzte gleich ganz in die Straßenschluchten hinab. Halbwegs „in den Flow“ zu kommen, erforderte viel Zeit und Übung.

Marvel’s Spider-Man für die PS4 bewegt sich irgendwo zwischen diesen beiden Ideen. Spidey wählt den nächsten Schwung-Punkt eigenständig, zielt und trifft auch, solange der Spieler rechtzeitig die passende Taste gedrückt hat. Dabei berücksichtigt das Spiel die Richtung, in der Ihr gerade unterwegs seid und lässt Euch dann „physikalisch halbwegs korrekt“ eurem Schwung folgen. Davon abhängig, ob Ihr dabei noch extra Schwung nehmt, wann Ihr die Leine loslasst und ob Ihr am Ende des Schwungs „abspringt“, fallen danach Spideys Geschwindigkeit, Höhe und Richtung aus. So schwingt es sich sehr entspannt.

Darüber hinaus kann er sich mit kurzen Leinen nach vorne katapultieren, um beispielsweise das nächste höhere Gebäude in Reichweite seiner Netze zu bringen oder sich gezielt an bestimmte Punkte wie Dachkanten und Schornsteine heran zu ziehen, um dann direkt wieder davon abzuspringen.

Ich garantiere: Nach ein bis zwei Stunden Übung schwingt Ihr zwischen den Wolkenkratzern und bewegt Euch in bester Parkour-Manier über die Dächer der niedrigeren Gebäude, als hättet Ihr noch nie etwas anderes getan. Das Ergebnis wirkt ebenso flüssig und visuell beeindruckend, wie Spider-Mans Bewegungen im Kino. Und es macht tierisch viel Spaß! Ihr werdet freiwillig auf das Benutzen der Schnellreisepunkte verzichten, die Ihr im Verlauf des Spiels nach und nach in der Spielwelt freischaltet.

Ähnlich eingängig ist das Kampfsystem. Leicht zu erlernende Kombos lassen Euch Eure Gegner verhauen, entwaffnen, einspinnen und ebenso in der Luft herumwirbeln wie Kanaldeckel, Briefkästen und herausgerissene Autotüren. Mit Hilfe Eurer normalen Bewegungsmuster, weicht Ihr aus oder bewegt Euch wieselflink zwischen mehreren Gegnern hin und her. Auch Angriffe aktiv zu kontern ist jederzeit eine Option. Orientieren tut sich das System, wie schon bei vorangegangenen Teilen der Spidey-Serie, eindeutig an dem Free-Flow-Kampfsystem der Batman-Arkham-Reihe, hat inzwischen aber einen ganz eigenen Flair erreicht, der sich im aktuellen Spiel (zumindest für mich) erstmals wirklich rund anfühlt.

Und wo wir gerade auf Batman zu sprechen kamen: Auch heimliches Vorgehen ist in vielen Fällen eine Option. Von Dachkanten oder Straßenlaternen aus, begutachtet Ihr das Kampfgebiet, schätzt Gegner ein und schaltet sie dann von oben aus, während andere Wachposten gerade nicht hinsehen. So lassen sich gerne mal ganze gegnerische Lager heimlich, still und leise leer räumen.

Ein weiteres großes Plus des Spiels sind Charaktertiefe & Story. Neben den üblichen Verdächtigen, wie M.J. oder Tante May, treffen wir im Verlauf der Geschichte auf viele weitere Bekannte aus dem Spider-Man Universum und zahlreiche „Easter-Egg-Details“, wenn wir beispielsweise das Sanctum Santorum (Dr. Strange) und die wakandanische Botschaft (Black Panther) als Sight-Seeing-Spots fotografieren oder am Avengers Tower oder dem Eingang von Alias Investigations (Jessica Jones) vorbei schwingen. Zudem erleben wir zwei komplette Origin-Stories bekannter Figuren. Einfach genial.

Für Abwechslung sorgen zeitweise Wechsel von Spider-Man zu Peter Parker, so dass wir neben seinen Superhelden-Abenteuern auch Episoden aus seinem Privat- und Berufsleben miterleben dürfen. In nicht wenigen „Missionen“ findet sogar ein kompletter Charakterwechsel statt und wir spielen stattdessen M.J. oder einen anderen jungen Mann aus dem Spider-Man Umfeld, auf dessen Identität ich jetzt, um Spoiler zu vermeiden, nicht weiter eingehen sollte. So wird es garantiert nie langweilig!

Alle an der Story des Spiels beteiligten Charaktere werden ausreichend ausgestaltet und der Spieler erhält zusätzlich genügend Hintergrundinformationen, damit keine der Figuren mit einem Fragezeichen versehen bleibt. Oberflächlichkeit gibt’s hier nicht. Die Geschichte des Spiels ist spannend und abwechslungsreich und wird in Form von zahlreichen Filmsequenzen, unzähligen Telefonaten (während Spidey durch die Stadt schwingt) und vielen Sammelgegenständen mit Infoschnipseln dazu erzählt. Der Wechsel vom aktiven Spielgeschehen zu den Sequenzen und zurück erfolgt oft fließend. Insgesamt wirkt das Spiel cineastisch.

Unseren Spieler-Charakter entwickeln wir im Laufe des Spiels auf Basis typischer Rollenspiel-Elemente weiter. Für erledigte Aufgaben erhalten wir Erfahrungspunkte und verschiedene Marken: Erfahrungspunkte lassen uns allmählich in der Charakterstufe aufsteigen, jeder Stufen-Anstieg bringt uns Fertigkeiten-Punkte, die wir in drei verschiedene Skill-Trees investieren können.

Die verschiedenen Marken (Forschung, Fotos, Herausforderungen, Verbrechen & Co) dienen als Währung für die Freischaltung und Weiterentwicklung unserer Anzüge und Gadgets. Jeder Anzug bringt eine spezielle Anzug-Fähigkeit mit, die – einmal freigeschaltet – auf alle anderen Anzüge anwendbar ist. Darüber hinaus lassen sich alle Anzüge mit bestimmten Fähigkeiten verbessern, die wir nach und nach erst durch das Erreichen bestimmter Charakterstufen freischalten und dann entwickeln dürfen. Unsere Gadgets werden durch bestimmte Missionen freigeschaltet und dann durch Einsatz der Marken aufgewertet.

Grafisch macht Marvel’s Spider-Man durchaus etwas her. Es sieht zwar in der Release-Version im Detail nicht mehr ganz so krass aus, wie in der E3 Präsentation, da braucht man niemandem etwas vor machen, aber auch jetzt noch machen scharfe Texturen, eine hohe Polygondichte, Licht und Schatten, Tag- und Nachtwechsel und wechselndes Wetter aus Spideys New York eine beeindruckende Spielwelt.

Abseits der Hauptmissionen beschäftigen wir uns mit vielen, teils mehrstufigen Nebenquests, Forschungs-Stationen, Herausforderungen, zufälligen Verbrechen, Sight-Seeing, dem Ausheben verschiedener Gegner-Nester, etwas Detektiv-Arbeit und dem Finden und Einsammeln alter Rucksäcke, in denen sich „Artefakte“ aus Spideys Vergangenheit wiederfinden. Kurz gesagt: Die Spielwelt ist randvoll mit Content.

Doch nicht nur inhaltlich und optisch kann der neue Spider-Man Titel punkten. Auch die Soundkulisse macht eine gute Figur. Die Soundeffekte sind schön knallig, der Soundtrack untermalt stets passend die aktuelle Szenerie und die Sprecher haben wirklich gute Arbeitet geleistet. Dies gilt übrigens nicht nur für die englische Original-Tonspur, sondern auch für die deutschsprachige Lokalisation.

Dass das Spiel es mit der Lippen-Synchronität nicht so genau nimmt, ist heutzutage zwar nicht mehr „State of the Art“, aber – mal ganz ehrlich – vollkommen verschmerzbar. Das gleiche gilt für die Tatsache, dass sich einige wenige NPCs auf der Straße immer noch auf Englisch unterhalten. Da sind dem Synchronstudio wohl ein paar Files durch die Lappen gegangen. 😉 Aber was soll’s… Schwamm drüber.

Ich schrieb es weiter oben schon: Marvel’s Spider-Man präsentiert sich cineastisch und könnte gut und gerne ein Teil des Marvel Cinematic Universe sein, würde das Spiel nicht seiner eigenen Timeline folgen. So gesehen… Fast verwunderlich, dass Marvel das MCU vom Kino aus nicht schon längst nicht nur mittels diverser TV-Serien, sondern auch in Form qualitativ hochwertiger Videospiele auf unsere heimischen Bildschirme ausgeweitet hat. Das neue Spidey-Spiel wäre dafür jedenfalls ein großartiger Kandidat.

Das filmische Erlebnis jedenfalls, kommt komplett mit dem (inzwischen zum Kult gewordenen) Cameo Auftritt von Stan Lee, als auch einem grafisch aufwendigen Abspann daher, gefolgt von einer Mid-Credit-Scene und dem übrigen Abspann in gewohnt weißem Text auf schwarzem Grund.

Über die Szene sollte ich Euch natürlich noch nichts verraten, aber ein Screenshot sei mir gestattet:

Fazit: Ihr werdet es meinen „glühenden Worten“ der Begeisterung schon entnommen haben… Marvel’s Spider-Man [Affiliate-Link] für die PlayStation 4 ist nicht nur das beste Spider-Man-Spiel aller Zeiten, es ist eines der besten Spiele des aktuellen Jahres und definitiv einer der vielversprechendsten Anwärter auf meine persönlichen Top 3 2018 und meine persönlichen Top 10 meiner All-Time-Favourites.

Wenn noch nicht geschehen, solltet Ihr das Spiel unbedingt auf Eure PS4-Playlisten setzen. Und für den Fall dass Ihr noch keine Rechtfertigung für die Anschaffung einer PS4 gefunden habt, so kann ich Euch den neuen Spidey-Titel (neben dem immer noch schwer genialen Horizon: Zero Dawn natürlich) nur wärmstens als neuen / weiteren  System-Seller ans Herz legen. Von mir bekommt das neue Spidey-Game verdiente…

Recht herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.

 


Hinweis: Die in diesem Artikel verwendeten Bilder, Grafiken und Videos dienen lediglich der Illustration und sind geistiges Eigentum von Sony Interactive & Insomniac Games.